Where the lion cries

Ein Naturroman, der in regelmäßigen Abständen weiter erzählt wird.

Where the lion cries Teil 1

„In Jahren der Evolution und Revolution sind die Menschen Schritt für Schritt entstanden. Es gibt viele Theorien darüber, wo wir her kommen. Der einzige Makel daran ist, dass bei der Entstehung des Menschen leider kein Mensch dabei war, wäre auch irgendwie komisch.“, er erntete für den letzten Satz ein Lachen und drehte sich mit geducktem Haupt zur Tafel zurück. Anschließend sagte er: „Hausaufgabe! Überlegt euch eine eigene Theorie, wie der Mensch entstanden sein könnte, lasst dabei eurer Fantasie freien Lauf. Ich erwarte von jedem mindestens eine DinA4-Seite.“ Es klingelte und die Schüler standen auf und gingen ihres Weges.

Where the lion cries Teil 2

Herr Möller sah ihnen erhobenen Hauptes nach, ehe er selbst sein Schulzeug zusammen packte und in sein brandneuen Ford Mustang einstieg. Für die Ehre, so ein Geschoss, wie dieses zu fahren, musste er lange Zeit Abstriche in seinem Leben machen, doch nun konnte er es endlich genießen. Der Motor jaulte auf und offenbarte seinen V8 Motor in voller Pracht. An jeder Bushaltestelle sahen ihm die Schüler staunend nach, dabei fragte er sich nun oft, was sie eigentlich von ihm dachten. Hatten sie Respekt und Achtung vor ihm, da er sich so ein tolles Auto leisten konnte oder schauten sie auf ihn herab, da er deswegen die ganze Zeit in der selben, alten, ausgeblichenen Lederjacke antanzte, die er schon vor 5 Jahren bei seiner Einstellung getragen hatte?

Where the lion cries Teil 3

Es war ihm egal. Das war es wert. Oder doch nicht? Wo waren die ganzen Frauen, die ihm hinterher laufen sollten mit diesem Auto? Lag es vielleicht an seiner Lederjacke, dass sie abgeschreckt wurde oder an seinem relativ vernachlässigten 3-Tage-Bart denn er immer hatte? Er wurde durch einen blendenden Strahl aus seinen Gedanken gerissen. Ein lautes „Fuck“ kam ihm über die Lippen. Wie viel darf man hier überhaupt fahren? Blitzen immer dann, wenn man nicht bei der Sache ist. So ein Dreck, das kostet wieder. So musste er seinen Single-Urlaub mit Freddy doch absagen, das wird eine teure Angelegenheit. Er schlug mit beiden Händen gegen das Lenkrad und redete viele Worte vor sich hin, die wohl jeder TV-Sender mit einem schrillen Bieps-Ton zensieren würde. Naja er hatte eh keine große Lust darauf. Blieb ihm wenigstens die Demütigung erspart, wie die anderen ihn auslachten, da er niemand gefunden hatte.

Where the lion cries Teil 4

Er wollte einfach nicht mehr. Die Zeiten waren vorbei, an denen er noch versucht hatte bei möglichst vielen Mädels anzukommen, sie waren einfach vorbei. Er spürte wie der Wind der Veränderung ihn langsam weg trug von Tag zu Tag war es ihm immer klarer geworden, dass er in so einen geordneten Alltag nicht hinein gehörte, es ödete ihn an. Jede Sekunde in dieser Schule und im Alltag war eine einzige Last für ihn. Das Gebäude mit der kalten Neon-Beleuchtung erhellte den Ort an dem er nie hat sein wollen. Die Schritte, die sich anhörte, als würde man über Metallstangen gehen, taten ihm in den Ohren weh, er brüllte innerlich doch nach außen sah man nur sein verschmitztes Lächeln, er heulte innerlich, doch nach Außen versuchte er den Kindern den Stoff des neuen Lehrplans nahe zu legen. Es gab so viel, was er lieber tun wollte, als in 31 gelangweilte Augenpaare zu schauen, während er versuchte, ihnen die Evolution zu erklären. So viele Beschäftigungen hatte er noch nie im Leben gemacht, so viele Gelegenheiten hatte er verpasst.

Where the lion cries Teil 5

Doch er ging weiter brav von Montag bis Freitag in die Schule und diskutierte mit anderen Lehrern über neue Projektarbeiten und Pläne für das anstehende Schullandheim. Warum? WARUM? WER DANKTE ES IHM? Immer waren die Lehrer an allem Schuld, obwohl es meistens die dummen Schüler waren. WARUM? WIESO? Gerade wechselte sein eingebautes Soundsystem das Lied von einem gechillten Reggae-Song auf ein langsames Deutsch-Rock-Lied. Es war eine relativ unbekannte Band, die zu einer langsamen Akustik-Gitarre wie abgesprochen sang: „Und ich gehe meinen Weg… meinen Weg… Immer weiter so gut es geht!“. Plötzlich kam er zu dem Schluss, er ging zwar weiter seinen Weg, doch vielleicht sollte er endlich mal eine andere Abzweigung nehmen, einen anderen Weg, der ihn an ein anderes Ziel brachte. Ein Weg der nicht in einem Haus in einem Kuhdorf endete, sondern ein Weg der ihn an das Ziel führte an das er gerne kommen würde. War es Zeit für einen Wechsel der Sichtweisen? Sollte er die nächste Abzweigung nehmen? 
Noch bevor er zu Hause war, hatte er sich in den Kopf gesetzt, dass er sobald sich die Gelegenheit bot, einen andere Abzweigung nahm. Er schlief in dieser Nacht, mit dieser Entscheidung so gut , wie schon lange nicht mehr.

Where the lion cries Teil 6

Am nächsten Morgen wachte er mit starken Kopfschmerzen auf, sein Schädel pochte und so langsam kam ihm die Erinnerung wieder, welche tiefgreifende Entscheidung er an dem gestrigen Nachmittag getroffen hatte und wie er sie anschließend in seiner Stammkneipe gefeiert hatte. Es war wohl ziemlich viel Bier und auch noch diverses anderes an Alkohol geflossen. Sollte er, aus dem Vorhaben Realität machen? Oder sollte der neue Weg, der sich ihm urplötzlich auftat nur in seinen Gedanken existieren? Er machte halb verschlafen Musik an. Aus den Lautsprechern ertönte eine langsame Arie von Ryan Adams, er sang zu langsamer Akustik-Gitarre „Oh, my sweet Carolina“, es viel ihm wie Schuppen von den Augen, obwohl es bei dem Lied um Heimat ging, sah er in ihm ein Aufbruch, er sah noch viel mehr, er sah ein Ausbruch, Raus aus dem geordneten Alltag seines langweiligen Lebens hinein in einen neuen Abschnitt, hinein in sein erstes Abenteuer, das vielleicht nicht sein letztes blieb.

Where the lion cries Teil 7

Es wurde ihm wieder alles klar, es war nicht einfach so ein Einfall, den man kurz hat und 5 Minuten später dann zu sich selbst sagt: “Ach nein, lieber doch nicht!“. Es war eine Entscheidung, die sein Leben auf den Kopf stellte, eine Entscheidung, die man nicht zurück nehmen kann. Dieser Weg ist eine Einbahnstraße, hin zu seinem Ziel.

Es wurde ihm mulmig, eine Weile warm um das Herz, ein sehr komisches Gefühl, das sich schnell in bittere Realität auf dem Fußboden ergoss. Ja, er hatte ein Alkoholproblem, aber das war eine andere Geschichte. Obwohl sein Magen nun ziemlich leer war, so waren doch die Gedanken des Aufbruchs immer noch da. Viel zu lange hatte er schon existiert, doch gelebt hatte er noch nicht.

Where the lion cries Teil 8

Die Sonne spiegelte sich in dem Fenster seines kleinen Appartements und bildete das komplette Spektrum der Farben auf dem Fußboden ab, er lächelte wieder, obwohl sein Kopf immer noch dröhnte und pochte. Er dachte: „Mhm, also gut, dass ich eine Abzweigung nehme, das ist jetzt klar, doch wo geht diese hin? Wo soll ich denn bitte hingehen? Naja, jetzt packe ich erst einmal...“ Doch dann kam es ihm, nein, nichts packen, einfach weg gehen. Es gab nichts mehr, was ihn halten könnte.

Plötzlich ging alles so schnell, er hatte sein Hab und Gut einfach in einen Container verfrachtet und die Wohnung gekündigt. Dann ging er ans Telefon und sagte seinem Chef mal so richtig die Meinung, bis er bemerkte, dass es sein 12 Jähriger Sohn war, der an das Telefon rangegangen war und nun schluchzend antwortete: „Ich geb Ihnen mal mein Papa!“. Schnell legte er auf, naja, eines war sicher, jetzt hatte er definitiv nächste Woche seine Kündigung im Briefkasten. Die hatten aber auch die selbe Stimmlage.

Where the lion cries Teil 9

Als er sich in seinem leeren Appartement um blickte und er bemerkte, wie viel Platz man hatte, wenn nichts darin war, lachte er. Es war ein unglaublich befreiendes Lachen, eines, das er wahrscheinlich noch nie gelacht hatte. Als er an der Tür stand und ein letztes Mal hinein blickte, kamen ihm ein paar Erinnerungen hoch, doch es waren irgendwie kaum schöne. Zu Guter Letzt nahm er seinen ganzen Mut zusammen und schrie in das Appartement: „ Tschüss Schatz, wir müssen uns leider trennen, bin dann mal weg.“ Seine imaginäre Frau antwortete nicht, typisch Weiber.
Er schmiss seinem Vermieter gegenüber den Schlüssel in den Briefkasten und hüpfte in sein Auto.

Where the lion cries Teil 10

Die Sonne brannte auf den von Leder überzogenen Autositz, die Vöglein zwitscherten und die Schatten von den Bäumen der Allee wanderten an ihm vorbei als er das Schild mit der Aufschrift seines Zielortes sah…. So stellte er sich jedenfalls vor, wie es sich anfühlte endlich angekommen zu sein. Doch gab es da noch einige Fragen zu klären, zum Beispiel, was war sein Ziel? Befand es sich noch in Deutschland oder war es vielleicht irgendwo am anderen Ende der Welt? Ihm wurde plötzlich bewusst, was er da eigentlich wirklich getan hatte. Er hatte sich von einem Menschen mit Beruf und Haus zu einem obdachlosen Herumtreiber gemacht. War das ein neuer Rekord? Innerhalb von 24 Stunden so tief zu sinken? Er notierte sich diese Frage auf seiner Liste, welche mit Dingen gefüllt war, die es zu überprüfen galt. Doch dann wurde ihm bewusst, dass das die einzige Sache war, welche er, abgesehen von seinem Auto und seinem Geld in sein neues Leben mitnahm. Er schaute unschlüssig auf die Liste und wurde dabei schon fast nostalgisch. Die Einträge gingen zurück, bis auf das Jahr 2011, als er gerade frisch in dem Beruf hinein gekommen ist und voller Elan hingeschrieben hatte, dass er heraus finden wollte, wie er als Lehrer Lehrerinnen herum bekommen konnte. Die traurige Tatsache war, dass er es in über 5 Jahren kein einziges Mal hinbekommen hatte. Selbst die altmodisch gekleidete Religionslehrerin, die immer mit ihrer geschulterten Accoustic-Gitarre herum lief, hatte ihn eiskalt abblitzen lassen. Das war nicht fair, selbst die hässlichsten Typen bekamen irgendwie eine Frau, nur er nicht. Er ging zum Mülleimer, zerknüllte den Zettel und schaute ihm nach, wie er langsam auf den Haufen Kippen-Stummeln viel.

Where the lion cries Teil 11

Er lief zurück zu seinem Auto, welches in der Sonne glitzerte, es war mittlerweile früher Nachmittag und er wusste weder der Ort an dem er heute Nacht übernachten würde, noch der Ort, an dem sich das Ziel seiner Reise befand. Eine große und schwere Frage, ein Wort brannte in fetten Großbuchstaben in seinem Hirn: WOHIN? Was wollte er tun, wo wollte er hin? Sollte er bei Freunden übernachten? Mhm nein… Sollte er vielleicht bei seinen besorgten Verwandten übernachten? Oh mein Gott, niemals…

Er machte aus Verzweiflung das Radio seines Autos an und plötzlich verdrängte ein dickes Fettes „Au revoir“ das Wort „Wohin“. Er setzte seine Sonnenbrille auf und suchte das weite. Weg von all den Sorgen, die er als Lehrer gehabt hatte, weg von all den Dingen, die ihm an seinem alten Leben gestört haben, weg von dem Dreckswetter, das an 300 Tagen im Jahr sein Höhepunkt über seiner Wohnung fand. Weg von den doofen Schülern, die ihm mit nervigen Fragen und schlechten Noten das Leben schwer machten. Hin zu einem neuen Leben… Was heißt eigentlich neu? Hin zu seinem ersten Leben, zu seinem richtigen Leben.

Er verließ die Stadt, er fuhr einfach gerade aus, weg von seiner alten Heimat. Weg, immer weiter weg, Minute für Minute und Stunde für Stunde, je mehr Kilometer er hinter sich lies, desto besser fühlte er sich. Doch noch immer war eine Frage ungeklärt: Wohin?